Karl-Marx-Hof 1930 und Werkbund Stuttgart 1927: Zwei DACH-Klassiker der sozialen Wohnarchitektur
Innerhalb von vier Jahren entstanden in Wien und Stuttgart zwei Bauwerke, die das Verständnis vom Wohnen für unterschiedliche soziale Schichten neu definierten. Ein Vergleich, der bis in die Genossenschafts-Projekte der Gegenwart trägt.
Zwischen Juli 1927 und Oktober 1930 entstanden im deutschsprachigen Raum zwei Bauwerke, die das soziale Wohnen für jeweils eine andere Zielgruppe neu dachten — und deren Wirkungsgeschichte bis in die zeitgenössischen Wohngenossenschaften der 2020er Jahre reicht. Die Weißenhof-Siedlung in Stuttgart, eröffnet im Juli 1927 als Experimentierfeld der Internationalen Werkbund-Ausstellung, sollte zeigen, wie das industrialisierte Bauen für die neue Bourgeoisie der Weimarer Republik aussehen könnte. Der Karl-Marx-Hof im 19. Wiener Gemeindebezirk, eingeweiht am 12. Oktober 1930, war das längste zusammenhängende Wohngebäude der Welt und stand für die Antwort des Roten Wien auf die Wohnungsnot der Arbeiterklasse. Beide Bauten sind heute Welterbe oder Wiener Wahrzeichen, beide werden bewohnt, beide markieren in ihrer Unterschiedlichkeit die Spannweite dessen, was sozial verantwortete Architektur leisten kann.
Karl-Marx-Hof: 1,1 Kilometer Wiener Klassik
Wer mit der Straßenbahnlinie D vom Wiener Schwarzenbergplatz Richtung Heiligenstadt fährt, sieht ab der Station Halteraugasse eine ockerrot getünchte Front, die sich nicht enden will. Über sieben Tramstationen hinweg zieht sich der Karl-Marx-Hof entlang der Heiligenstädter Straße, 1.382 Wohneinheiten lang, 1.100 Meter in der Längsausdehnung, vier bis sechs Geschosse hoch, mit Tortürmen, Balkonen, halbrunden Erkern. Der Architekt Karl Ehn, ein Schüler Otto Wagners, plante das Bauwerk zwischen 1926 und 1929 als Höhepunkt des Wiener Gemeindebau-Programms, das die sozialdemokratisch regierte Stadt nach 1919 als Antwort auf die Wohnungselend des Habsburger-Erbes aufgelegt hatte.
Die Finanzierung beruhte auf einer Wohnbau-Steuer, die ab 1923 auf Luxus-Konsum (Champagner, Mietautos, Bedienstete in Privathaushalten) erhoben wurde und in den ersten zehn Jahren des Roten Wien rund 65.000 Wohneinheiten in 400 Höfen ermöglichte. Die Mieten lagen bei vier bis fünf Prozent des Arbeiter-Einkommens, ein Bruchteil dessen, was die privaten Vermieter:innen der Gründerzeit-Häuser verlangten. Die Ausstattung war für die Verhältnisse der Zeit großzügig: Jede Wohnung verfügte über fließendes Wasser, Innen-WC, Gas-Anschluss und in den meisten Fällen eine eigene Küche.
Was den Karl-Marx-Hof aber zum architektonischen Manifest macht, sind seine Gemeinschafts-Einrichtungen. Zwischen den Wohnzeilen liegen zwei großzügige Innenhöfe, die als öffentliche Parks ausgelegt sind und die kommunale Stadt im Wohnbau abbilden. In den Erdgeschosszonen waren bei Eröffnung untergebracht: zwei Kindergärten mit zusammen 220 Plätzen, eine Zahnklinik mit drei Behandlungsräumen, eine Mütterberatung, eine Bibliothek mit damals rund 4.000 Bänden, ein Kommunal-Badhaus mit Wannen- und Brausebädern, zwei Wäschereien mit Dampfwasch-Anlagen, ein Postamt, eine Apotheke und nicht zuletzt 25 Gewerbeeinheiten für Handwerk und Versorgung. Die Wohnung war damit nicht nur Schlafstätte, sondern Knoten in einem Netz täglicher Funktionen, die innerhalb von wenigen Minuten erreichbar waren.
Die politische Dramatik des Hofes brach im Februar 1934 auf. Während der Februarkämpfe zwischen Sozialdemokratie und austrofaschistischem Dollfuß-Regime wurde der Karl-Marx-Hof zu einem der zentralen Schauplätze des Widerstands. Truppen des Bundesheeres und der Heimwehr beschossen das Gebäude vom 12. bis 15. Februar 1934 mit leichter Artillerie. 19 Wohnungen wurden zerstört, fünf Bewohner:innen starben. Die Schäden wurden in den Folgejahren ausgebessert, aber die Spuren der Geschosse blieben an einzelnen Stellen sichtbar — eine bauliche Erinnerung, die heute durch Hinweistafeln markiert wird.
Weißenhof-Siedlung: Internationale Klassik in Stuttgart
Drei Jahre vor der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes hatte sich in Stuttgart ein Architektur-Experiment vollzogen, das zwar nur 21 Bauten umfasste, dafür aber die internationale Avantgarde der zwanziger Jahre versammelte. Die Weißenhof-Siedlung am Killesberg, errichtet zwischen März und Juli 1927 als Bestandteil der Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung”, war das Werk von 17 Architekt:innen aus fünf Ländern unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe. Die Beteiligten lesen sich wie ein Personenregister des Neuen Bauens: Mies van der Rohe selbst (mit einem Wohnhaus für 24 Mieter:innen, dem heutigen Wohnblock am höchsten Punkt der Siedlung), Le Corbusier (mit zwei Häusern, deren Pilotis und Bandfenster Manifest-Charakter haben), Walter Gropius (mit zwei vorgefertigten Stahlrahmen-Häusern, die seine industriellen Bauambitionen vorwegnehmen), Hans Scharoun (mit einem dynamisch geformten Einfamilienhaus, das seinen späteren Expressivismus ankündigt), Mart Stam (mit drei aneinandergereihten Reihenhäusern, deren konsequente Reduktion auf das Notwendigste das holländische Funktionalismus-Erbe einbringt), Peter Behrens (mit einem viergeschossigen Wohnblock, dem Übergangs-Werk seiner späten Schaffensphase), Ludwig Hilberseimer (mit einem Reihenhaus, das seine Großstadt-Theorien vom Anfang der zwanziger Jahre praktisch erprobte), Bruno Taut, Max Taut, Adolf Rading, Adolf Gustav Schneck, Josef Frank, Richard Döcker und JJP Oud, der in fünf weißen Reihenhäusern die Klarheit der niederländischen Klassik nach Stuttgart trug.
Die Bauaufgabe lautete: Wohnungen für „die neue Klein-Bourgeoisie” der Weimarer Republik — Angestellte, Beamte, Lehrer:innen, freie Berufe. Die Mieten waren so kalkuliert, dass sie für ein durchschnittliches Angestellten-Einkommen tragbar blieben. Die Wohnungen, in der Regel zwischen 45 und 85 Quadratmeter groß, präsentierten ein neues, am Industrieprodukt orientiertes Wohnen: Einbau-Küchen nach Frankfurter Vorbild, integrierte Schränke, vorgefertigte Bauteile, hellgrau-weiße Putzfassaden ohne Ornament, Flachdächer als Programm. Was die Siedlung in der Architekturgeschichte verankerte, war weniger die einzelne Wohnung als das gemeinsame Auftreten so vieler Schlüsselfiguren auf engem Raum — und die fotografische Dokumentation, die das Erscheinungsbild der Häuser in den Zeitschriften der Zeit weltweit verbreitete.
Die Siedlung erlitt im Zweiten Weltkrieg schwere Bombenschäden: Zehn der ursprünglich 21 Häuser wurden zerstört, weitere stark beschädigt. Der Wiederaufbau in den 1950er und 1960er Jahren erfolgte teils in der ursprünglichen Form, teils in vereinfachten Nachbauten. Erst die behutsame Restaurierung zwischen 1981 und 1987 unter der Leitung des Architekten Frei Otto stellte die elf verbliebenen Originale wieder her. Im Juli 2016 wurden die beiden Häuser von Le Corbusier (das Doppelhaus und das Einzelhaus an der Rathenaustraße) als Bestandteil der seriellen Welterbestätte „Das architektonische Werk von Le Corbusier” in die UNESCO-Liste aufgenommen. Die übrigen neun Originalbauten stehen unter Denkmalschutz.
Zwei Modelle, zwei Klassen
Die Gegenüberstellung der beiden Klassiker erhellt das, was sie verbindet, und das, was sie trennt. Beide entstanden in einem politischen Klima, das das Wohnen als gesellschaftliche Aufgabe verstand und das die Architektur als Instrument der Veränderung einsetzte. Beide formulierten den Anspruch, dass die Wohnung mehr sein müsse als ein Mietverhältnis — sie sei Ausdruck einer Lebensweise, die das Selbstverständnis ihrer Bewohner:innen präge.
Was sie trennt, ist die Zielgruppe und damit die architektonische Sprache. Der Karl-Marx-Hof spricht zur Arbeiterklasse in einer monumentalen, durch und durch städtischen Geste, die das Wohnen ins kollektive Maß überführt: gemeinsame Höfe, gemeinsame Wäschereien, gemeinsame Bibliotheken. Die Architektur ist konservativ-traditionell in ihren Formen, aber radikal in ihrer sozialen Programmatik. Die Weißenhof-Siedlung wendet sich an die individualistisch-aufstiegsorientierte Klein-Bourgeoisie und arbeitet mit der entgegengesetzten Strategie: radikal-experimentell in ihren Formen, aber konventionell in ihrem sozialen Programm. Das Einzelhaus bleibt das Modell, die Einbauküche das Werkzeug einer rationalisierten Hausarbeit, deren gesellschaftliche Voraussetzungen — die unbezahlte Arbeit der Hausfrau — unhinterfragt bleiben.
Die Wiener Wohnungspolitik des Roten Wien stand zu diesem Zeitpunkt im offenen Gegensatz zum bürgerlich-sozialdemokratischen Konsens der Weimarer Republik, der die Werkbund-Ausstellung trug. In den Diskussionen der zwanziger Jahre wurden diese Unterschiede scharf ausgetragen. Adolf Loos polemisierte gegen den Wiener Gemeindebau, den er als „mietkasernen-artig” verurteilte; Karl Ehn wiederum hielt die Werkbund-Häuser für „bürgerliche Spielerei”. Die wechselseitige Skepsis ist Teil der Geschichte und sollte nicht durch ein rückblickendes Harmonie-Bild übertüncht werden.
Erbe in der Genossenschafts-Klassik
Was beide Bauwerke gemeinsam an die Gegenwart weitergeben, ist die Frage, wie Wohnen jenseits des reinen Marktes organisiert werden kann. Die Antworten der Gegenwart greifen Elemente beider Modelle auf, oft ohne sich der Genealogie bewusst zu sein. Die Genossenschafts-Siedlung Kalkbreite in Zürich (2014, Müller Sigrist Architekten, 88 Wohnungen für 250 Bewohner:innen, ein Tramdepot, sieben Restaurants, sechs Gewerbeeinheiten) übersetzt die Funktionsmischung des Karl-Marx-Hofes in das schweizerische Genossenschafts-Modell. Die Berliner Bremer-Höhe (Sanierung 2000-2002 durch Wohnungsbaugenossenschaft Bremer Höhe eG, 530 Wohnungen) hat eine ähnliche Idee in die Bestands-Modernisierung eines Gründerzeit-Quartiers übersetzt. Die Wiener Wohnprojekt-Genossenschaften der 2010er Jahre (Wohnprojekt Wien am Nordbahnhof 2013, Gleis 21 am Hauptbahnhof 2019) experimentieren mit einer Form gemeinschaftlichen Wohnens, die das Erbe des Roten Wien fortschreibt und um partizipative Elemente erweitert.
Auch die Weißenhof-Linie hat ihre Nachfolge: in den Werkbund-Siedlungen, die nach 2010 in Zürich, in München (Wagnis-Genossenschaft) und in Wien (B.R.O.T. am Hernals) entstanden sind und die das Experiment der vorgefertigten, typologisch erprobten Wohnform fortsetzen. Was sich verändert hat, ist die Klasse der Bewohner:innen: Die neue Klein-Bourgeoisie der zwanziger Jahre ist heute die akademisch geprägte urbane Mittelschicht, deren Wohnvorstellungen sich in einer ähnlichen Mischung aus Individualismus und Gemeinschafts-Sehnsucht artikulieren wie damals.
Bleibt die Frage, ob die DACH-Wohnungspolitik der 2020er Jahre die Spannweite zwischen Karl-Marx-Hof und Weißenhof noch einmal in einem vergleichbaren Maß erreichen kann. Die Antwort liegt nicht in den Architektur-Büros allein, sondern in den politischen Voraussetzungen, die in beiden Fällen das Bauen erst möglich gemacht haben: die Wohnbau-Steuer im Wien der zwanziger Jahre, das Werkbund-Mäzenatentum im Stuttgart von 1927. Ohne vergleichbare Rahmenbedingungen bleiben die zeitgenössischen Projekte beeindruckende Einzelfälle, deren Skalierung auf den breiten DACH-Wohnungsmarkt eine politische Aufgabe ist, die bislang nicht vergleichbar entschlossen angegangen wird.